NKM100 elektronik system - VEB Numerik "Karl Marx", 1988

Experimentierkästen aus der DDR

NKM100 elektronik system - VEB Numerik "Karl Marx", 1988

Ungelesener Beitragvon FrankR » 18. Okt 2012, 21:15

Unabhängig von den hier bereits vorgestellten DDR Schüler-Elektronikbaukästen Polytronic vom VEB Polytronic Saalfeld wurde 1988 ein neuer Elektronikbaukasten "NKM100 elektronik system" vom VEB Numerik "Karl Marx" in Karl-Marx-Stadt herausgegeben.

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Beachte hier die dritte Abbildung. Sie enthält einen Hinweis auf den zum NKM100 gehörenden Ergänzungskasten NKM150.

Der NKM100 wurde für Schüler ab 12 Jahren angeboten. Im Unterschied zu den meißten Polytronic-Baukästen schien er jedoch nicht für den Einsatz im Schulunterricht gedacht zu sein, sondern für die private Nutzung zu Hause (diese Angabe ist jedoch ohne Gewähr, da mir entsprechende Quellen fehlen). Der Preis für den NKM100 lag 1988 auf jeden Fall bei 114,- Mark der DDR. Für eine private Anschaffung eines "Lernspielzeug" ein stolzer Preis, wenn man den Preis in Relation setzt zum damaligen durchschnittlichen Lohn eines Produktionsarbeiters in der DDR in Höhe von ca. 30 - 35 Mark pro Tag (*1). :-o

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Aufbau und Vorbild

Es läßt sich nicht verleugnen, welche West-Elektronikbaukästen bei der Entwicklung des NKM100 als Vorbild dienten. Die Ähnlichkeiten zum KOSMOtronik-System (siehe z.B. KOSMOS Radio+Elektronik 1) sind nicht zu übersehen. Natürlich hat der VEB Numerik "Karl Marx" die Elektronikbaukästen von Kosmos nicht einfach kopiert, sondern das Konzept vielmehr "auf den Kopf gestellt" und mit einer anderen Farbe versehen.

Das folgende Bild zeigt eine Aufbauplatte des NKM100 von oben gesehen mit Einstecklöchern für die Kontakte von Bauelementen und Drahtbrücken.

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Im Unterschied zum KOSMOtronik-System werden beim NKM100 die Steckfedern nicht von oben in die Aufbauplatte gedrückt, sondern von der Rückseite, wie nachfolgend zu sehen ist.

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Zum Verständnis des Aufsystem ist es notwendig, den Unterschied zwischen den KOSMOtronik- und den NKM-Steckfedern zu sehen. Die KOSMOStronik-Steckfedern sind auf ihrer Oberseite selbst mit Löchern versehen und werden von oben in die Schlitze der Aufbauplatte gedrückt. Die Löcher der Steckfedern nehmen die Kontakte der Bauelemente auf, wobei die Kontakte durch die Federn gehalten werden. Die NKM-Steckfedern sind hingegen ohne Löcher, die Löcher sind bereits in der Aufbauplatte vorhanden, in die die Kontakte gesteckt werden. Die NKM-Steckfedern werden auf der Rückseite der Aufbauplatte mit den Federn nach oben zur Aufbauplatte gedrückt. Auch hier dienen die Federn zum Festhalten der Kontakte der Bauelemente.

Das folgende Bild zeigt diesen Unterschiede der beiden Steckfeder-Systeme. Rechts die mit Löchern versehenen Steckfedern von KOSMOtronik, links die Steckfedern des NKM100 ohne Löcher.

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Allgemein gilt: So wie beim KOSMOtronik-System jede Steckfeder 4 Löcher enthält, durch die Kontakte verschiedener Bauteile an einem Punkt verbunden werden können, gehören immer 4 Löcher der Aufbauplatte des NKM100 zusammen und erlauben die Verbindung verschiedener Bauelemente oder Steckbrücken an einem Punkt miteinander.

Da ich sowohl diverse KOSMOS-Baukästen in meiner Sammlung habe und nun auch den NKM100, konnte ich beide Systeme ausprobieren: Die NKM-Variante des Stecksystems scheint mir geringfügig besser abzuschneiden als das KOSMOtronik-System. Die Kontakte werden im NKM-Stecksystem fester gehalten als beim KOSMOStronik-System. Auf jedenfall hat jeder Versuch auf Anhieb funktioniert. Kontaktprobleme habe ich nie feststellen können (genau dies war mein Problem beim Schaltungsaufbau mit den Polytronic-Baukästen. Kontaktprobleme fast bei jeder Klemme).

Etwas unschön sind jedoch die verwendeten Materialien für die Steckfedern des NKM100. Anfangs glänzt jede Steckfeder so schön wie eine KOSMOStronik-Steckfeder. Es handelt sich jedoch um ein Grundmaterial - ich vermute Kupfer; zumindest glänzt es in einem hellen gold-braunen Farbton - beschichtet mit einer hauchdünnen, silbern glänzenden Metallschicht. Beim Zusammendrücken der Steckfedern beim Eindrücken in die Arbeitsplatte reisst die Metallbeschichtung ein - und die Fetzen der Metallschicht verteilen beim darüber reiben in der Arbeitsplatte. Die Entfernung der silbernen Fetzchen ist mühselig, da sie statisch überall haften bleiben.

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Die Schaltungen werden teilweise mit 4,5 Volt, teilweise mit 9 Volt betrieben. Zwei Batteriehalter für sechs fette Monozellen zu je 1,5 Volt werden an den Aufbauplatten befestigt. Da viele Schaltungen mit Operationsverstärkern aufgebaut werden, die mit 4,5 Volt und -4,5 Volt betrieben werden, werden drei Verbindungskabel von den Batteriehaltern herausgeführt. Je nach Verwendung der Kabel können die Schaltungen mit 4,5 Volt gegen Masse, -4,5 Volt gegen Masse oder 9 Volt in die Schaltung versorgt werden.

Hier der fertige Aufbau des kompletten Experimentierboards (wobei aber nur zwei Drähte von den unteren 3 Monozellen wegführen, was 4,5 V und Masse entspricht).

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Wie bei den Aufbauplatten des KOSMOtronik-Systems (die bekannten gelben und roten quadratischen Aufbauplatten der KOSMOS Radio+Elektronik 1 Experimentierkästen u.a.) sind hier für die Transistoren feste Steckplätze vorgesehen. Es handelt sich um die kreuzförmig angeordneten Kontaktlöcher in der Mitte jeder Aufbauplatte (dort, wo das große Mittelloch zu sehen ist. Da die Transistoren zu je zweit auf einer Platine (Modul) montiert sind (siehe unten) können maximal 4 Transistoren pro Schaltung - eine Platine pro Aufbauplatte - verwendet werden.

Da aber der Chip mit 4 Operationsverstärkern (siehe unten) ebenfalls auf einer solchen Platine montiert ist, können bei Schaltungen, die Operationsverstärker verwenden, nur maximal 2 Transistoren - auf der anderen Aufbauplatte - verwendet werden.

Dies ist im Vergleich mit den KOSMOS Radio+Elektronik Experimentierkästen 1, 11 und 12, die aufeinander aufbauen und jeweils weitere Aufbauplatten enthalten, eine ziemliche Beschränkung, da keine Ergänzungskästen mit zusätzlichen Aufbauplatten vorgesehen waren.


Inhalt

Außer den herkömmlichen Bauteilen wie Widerständen, Dioden, Kondensatoren und Steckbrücken enthält der NKM100 Bauelemente, die auf Modulen aufgebaut sind. Diese Module werden mit Steckfüßchen in die kreuzförmig angeordneten Löcher in der Mitte der Arbeitsplatte eingesetzt (über dem großen Loch in der Mitte).

Hier eine Abbildung der Stückliste des NKM100:

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Die fünf im NKM100 enthaltenen Module: Von links nach rechts: 1. Modul A1: Lautsprecherbuchse; 2. Modul A2 mit 2 NPN-Transistoren, Modul A3 mit einem NPN-Transistor und einem PNP-Transistor; 3. Modul A4 mit zwei Potentiometern zu 10 kOhm bzw. 100 kOhm; 4. Modul A5: Chip mit 4 Operationsverstärkern.

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Die Module A2, A3 (Transistoren) und A5 (Operationsverstärker) sind größer als die beiden anderen gezeigten Module und passen, wie bereits oben erwähnt, nur in die kreuzförmig angeordneten Steckplätze in der Mitte der Aufbauplatten. Über die dadurch gegebenen Beschränkungen für Schaltungen habe ich mich oben bereits ausgelassen.

Bei eigenen praktischen Versuchen kam mir die Kombination von 2 Transistoren auf einem Modul für einen übersichtlichen Schaltungsaufbau sehr unpraktisch vor.

Statt des farbcodierten Ringsystems zur Kennzeichnung der Widerstandswerte werden im NKM100 Widerstände verwendet, bei denen der Widerstandswert direkt auf den Widerstandskörper aufgedruckt ist. Hierzu wird der folgende (standardisierte *2) Code verwendet: Widerstände mit reinen Ohmwerten (also ohne die Prefixe kilo bzw. Mega) sind mit dem Zahlenwert und nachfolgendem Buchstaben "R" (wohl für das englische "Resistor") bedruckt, z.B. "240K" für 240 Ohm. Widerstänadswerte ab 1 kOhm sind kodiert durch den Zahlenwert des Widerstands und nachfolgendem Buchstaben "K", z.B. "82K" für 82 kOhm. Für Werte in diesem Bereich mit Nachkommastellen steht der ganzzahlige Zahlenwert vor dem Buchstaben "K", die Nachkommastellen folgen dem "K", z.B. "8K2" für 8,2 kOhm. Für Widerstandswerte im Bereich bis < 10 kOhm, also für einstellige ganzzahlige Werte wird auch bei fehlenden signifikanten Nachkommastellen in der Kodierung die Nachkommastelle "=" angegeben, also z.B. "1K0" für 1 kOhm. Ab den zweistelligen Werten fehlt diese Angabe der "0" für ganzzahlige Werte. Widerstandswerte im Megaohmbereich folgen ebenfalls diesem Muster, wobei jedoch der Buchstabe "M" statt "K" verwendet wird, z.B. "1M0" für 1 Megaohm.

Der Aufdruck der Widerstandswerte ist allerdings so klein, daß das Suchen von Widerständen bei ungünstigem Licht oder schlechten Augen fast unmöglich ist. Auch in der fertigen Schaltung ist die Kontrolle der verwendeten Widerstände sehr schwierig. Die eigene Anfertigung von Klebefähnchen mit lesbaren Werten ist auf jeden Fall angesagt, will man länger mit dem NKM100 arbeiten. Leider liegen dem NKM100 keine Selbstklebefähnchen als Zubehör bei. Es wird wohl bei den verfügbaren Papierqualitäten in der DDR (siehe Papier- und Druckqualität des Anleitungsbuches) zu teuer gewesen sein, qualitativ gutes Selbstklebepapier (im Ausland?) einzukaufen.

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Anleitungsbuch und Versuche

Zunächst ein Hinweis an unsere Radio-Enthusiasten: Es gibt keine Radioschaltungen, die im Anleitungsbuch besprochen werden oder als Schaltung vorgestellt werden! :cry:

Nach dem Aufbau einer Beispielschaltung (Warnblinker), die am Anfang noch nicht erläutert wird, da sie nur zur Demonstration des Schaltungsaufbaus dient und wohl auch etwas motivieren soll , beginnt das Anleitungsbuch mit einem großen Versprechen, das hoffen läßt:

[...] Aber wie funktioniert das eigentlich? Welche Funktionen haben denn die einzelnen Bauelemente und wie wirken sie im Zusammenhang? Wie kann man denn begreifen, was "im Innern" der Schaltung vor sich geht?
[...] Aber gerade dabei soll unser Baukasten helfen. Er soll helfen, sich schrittweise in komplizierte Sachverhalte der Elektronik und der Mikroelektronik einzuarbeiten. Wir wollen im folgenden mit dem Einfachsten beginnen und dann von Versuch zu Versuch immer schwierigere Aufgaben lösen. Dabei wollen wir erreichen, daß das "Innere" der Schaltungen verstanden wird. [... ]
:clap:

Das Anleitungsbuch gliedert sich in drei große Teile.

Im ersten Teil werden alle elementaren Bauteile (Widerstände, Kondensatoren, Dioden, Transistoren) beschrieben und durch kleine Beispielschaltungen in ihrer Funktion demonstriert. Dabei wird auch vor einfachen mathematischen Formeln und Beispielrechnungen nicht zurückgeschreckt. Ausführlich werden die Begriffe Widerstand, Spannung, Stromstärke und das Ohm'sche Gesetz behandelt. Es folgen Spannungsteiler, RC-Glied und Transistoren als Schalter und Stromverstärker in Emitterschaltung.

Bei den Anleitungsbüchern der Polytronic-Experimentierkästen war diese Art von Beschreibung nicht vorhanden. Eigenständiges Lernen von elektronischen Grundbegriffen und Schaltungen war dort, meiner Meinung nach, nicht möglich. Aber vielleicht zeigt sich hieran, daß der NKM100 wohl in erster Linie für den Hausgebrauch und nicht für schulische Lehre gedacht war.

Der zweite Teil ist ganz der Digitaltechnik gewidmet. Die grundlegenden digitalen Gatterschaltungen, wie NICHT-, UND-, ODER-, und NAND-Gatter werden in ihrem elektronischen Aufbau beschrieben. Dabei wird bei jeder Grundschaltung zwischen dem Aufbau in Dioden-Transistor-Logik (DTL) und Transistor-Transistor-Logik (TTL) unterschieden und jeweils beide Varianten vorgestellt.

Es folgen die einfache Flip-Flop-Schaltung, das Mono-Flop und der astabile Multivibrator, sowie der Schmidt-Trigger. Womit das Kapitel über die Digitaltechnik auch schon beendet ist. Hier hätte man etwas ausführlicher sein können. Die Besprechung von D-Flip-Flop im Zusammenhang mit digitalen Zählern oder auch der Halb- und der Volladdierer und deren Verknüpfung zu einer mehrstelligen Additionsschaltung fallen mir als einfachste Beispiele für ein paar fortgeschrittenere Schaltungen und als Anwendungsbeispiele der vorgestellten Grunschaltungen ein.

Wenn schon die Digitaltechnik auf der Ebene der elektronischen Bauteile behandelt wird, so darf man sich - meiner Meinung nach - nicht auf der Beschreibung der Schaltzustände wie entsprechend High und Low (1 bzw. 0) beschränken. Gerade hier kommen ja gerade auf elektronischer Ebene keine reinen High-Werte (z.B. genau 5 Volt) oder Low-Werte (z.B. genau 0 Volt) vor. Vielmehr erwarten Logikgatter an ihren Eingängen einen hohen Spannungsbereich (z.B. 3,5V bis 5V) für High. bzw. einen niedrigen Spannungsbereich (z.B. 0V bis 1V) für Low. Und die Ausgänge liefern entsprechend abgeschwächte Signale in den entsprechenden Bereichen. Ansonsten könnten verschiedene Logikgatter niemals hintereinander geschaltet werden, wenn sie genau punktgenaue Signale erwarten würden. Für die Digitaltechnik ist dabei der große Störspannungsabstand zwischen diesen definierten Bereichen wichtig, was diese Technik ja gerade unempfindlich gegenüber Störungen macht - im Gegensatz zur analogen Übertragung bzw. Verarbeitung von Signalen. Genau dies sind aber die Stellen, wo das Anleitungsbuch etwas mehr in die Tiefe gehen könnte.

Der dritte und letzte Teil versteht sich als Einführung in den Operationsverstärker. Da ich mich damit aber noch nicht beschäftigt habe, folgt die Beschreibung in einer Fortsetzung dieses Beitrags.

Als Gesamtüberblick hier das Inhaltsverzeichnis:

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Als Beispiel für einige wenige Schaltungen aus dem Anleitungsbuch hier die Schaltungen für den Aufbau des UND-Gatters in DTL und TTL.

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Als erster wird wohl die schlechte Qualität der Aufbaupläne auffallen. Ich hatte meine Probleme, die Schaltungen anhand der Aufbaupläne aufzubauen - dazu fand ich diese zu unübersichtlich und durcheinander. Das die zusammenhängenden Kontaktlöcher jeweils zu viert durch eine dünne Linie verbunden sind, die die selbe Dicke hat wie die Kontakte der Bauelemente führt nicht gerade zu guter Erkennbarkeit. Die dicken Linien der Verbindungsdrähte mit ihren Knicken und Bögen tragen auch nicht gerade zur guten Erkennbarkeit bei.

Ich habe mich noch nicht tiefergehend mit Schaltungstopologien von Experimentiersystemen beschäftigt (siehe hierzu die interessanten Beiträge auf erinacom.org: Schaltungstopologie), aber die Verdrahtung der Verbindungskabel quer über die Aufbauplatten mit den verschiedensten Längen, läßt auf eine schlechte Schaltungstopologie dieses Systems oder mindestens auf fehlende Überlegung bei der einzelnen Verdrahtung schließen.

Im Vergleich hierzu finde ich die Aufbaupläne des KOSMOtronik-Systems, obwohl die Drahtbrücken gelegentlich kreuz- und quer über die Aufbauplatten führen, geradezu lesbar. Gerade die fehlende Reduzierung der Drahtbrücken auf zwei verschiedene Längen, wie es beim KOSMOtronik-System realisiert ist, macht für mich den Aufbau sehr unübersichtlich. Noch nicht einmal die Bauelemente konnte ich auf eine einheitliche Länge (durch senkrechtes nach unten Biegen der Kontakte) sinnvoll vorbereiten - es wollte dann je nach gewünschtem Ziel-Steckloch nicht passen.

Ich habe mich dann überhaupt nicht mehr mit den Aufbauplänen beschäftigt, sondern habe, ausgehend vom Schaltplan, die Schaltung direkt aufgebaut. DIes führte zwar auch nicht zu optimalen, übersichtlichen Verdrahtungen, ich konnte aber die Logik der Schaltung für mich besser nachvollziehen.

Die erste Schaltung zum UND-Gatter in DTL hat mich dann doch intuitiv sehr in ihrer Funktionalität irritiert. Natürlich erwartet man von der UND-Schaltung - wenn sie schon mit Tasten für die beiden Eingänge demonstiert - daß direkt nach dem Aufbau die LED nicht leuchtet, da beide Schalter offen sind. Aber was passierte hier? Die LED leuchtete! Erst als beide Schalter geschlossen wurden, leuchtete die LED nicht mehr. Was war hier passiert? Hatte man versehentlich eine NAND-Schaltung statt der angekündigten UND-Schaltung abgedruckt?

Nein, natürlich nicht - die Schaltung ist tatsächlich eine UND-Schaltung und macht genau das, was sie soll! Die LED leuchtet nur dann, wenn beide Eingänge X1 und XS2 (siehe Schaltplan) auf High liegen. Und genau das tun sie nach Aufbau der Schaltung. Die Betätigung einer Taste bewirkt nämlich genau das, was man intuitiv zunächst nicht erwartet: Sie verbindet den entsprechenden Eingang mit Low-Potential.

Aufgrund solcher Irritationen bin ich schon immer der Meinung gewesen, daß Schalter in der Darstellung von Logikgattern nichts zu suchen haben - Logikgatter haben Eingänge und Ausgänge, über die sie verknüpft werden. Schalter gehören deutlich von der Logikschaltung abgesetzt zu sein und sollten gegebenenfalls einem separaten Schalterboard zugeordnet sein. Wenn dies aufgrund von beengten Verhältnissen auf Experimentierboards nicht möglich ist, so sollte in der Beschreibung oder im Schaltplan wenigstens deutlich darauf hingewiesen werden.

Hier noch ein paar Abbildungen von meinem praktischen Schaltungsaufbau, die auch nicht sehr übersichtlich sind. Auf den beiden ersten Abbildungen die UND-Schaltung in DTL. Die dritte und vierte Abbildung die UND-Schaltung in TTL (in der TTL-Variante ist das oben erwähnte Schalterproblem übrigens nicht gegeben).

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Mein Fazit bis zu diesem Punkt: Was das Anleitungsbuch im oben aufgeführten Zitat verspricht wird einigermaßen gehalten. Die Erläuterungen sind kurz und knapp. Meinem persönlichen Geschmack entsprechend könnten die Grundlagen und die Erläuterungen zu den Schaltungen jedoch ruhig etwas weitschweifender sein (ich selbst betrachte diese Anleitungsbücher immer aus der Sicht des Anfängers, weil ich in der Elektronik auf Bauteilebene ja selbst Anfgänger bin!).

Der mechanische Aufbau der Aufbauplatten und ihre Kontakte erscheinen mir recht stabil. Wedewr hatte ich bei irgendeiner Schaltung Kontaktprobleme, noch hatte ich Ärger mit irgendwelchen nichtfunktionierenden Bauelementen Alle Versuche gelangen auf Anhieb.

Was die Schaltungstopologie betrifft, so scheint diese zu recht unübersichtlichem Schaltungsaufbau zu führen. Insbesondere die Platzierung der Transistormodule mit je zwei Transistoren in der Mitte der Aufbauplatten war für mich nicht angenehm beim Nachvollziehen der Verdrahtung. Viele Schaltungen arbeiten ja mit gegenüberliegenden Transistoren (im Schaltplan), die über Kollektor und Basis miteinander gekoppelt sind. Diese Anordnung möchte ich eigentlich auch gerne im Aufbau wiederfinden.

Es gibt sogar Schaltungen in der Anleitung, bei denen Bauelemente oder Drahtbrücken quer über das Transistormodul geführt wurden. Meist jedoch sind Bauteile oder Drahtbrücken rund um das Modul geführt, um z.B. den Kollektor mit der Basis des anderen Transistors zu verbinden. Sehr unschön!

Als wichtiges Zubehör fehlt ein Selbstklebebogen mit Widerstandswerten zum Aufkleben auf die Bauelemente. Die Widerstände mit alphanumerischer Beschriftung sind so klein und die Beschriftung dadurch unleserlich, daß dies unbedingt notwendig gewesen wäre.

Inhaltlich konzentriert sich die Anleitung auf den Aufbau von grundlegenden Schaltungen. Die Auswahl an motivierenden, interessanten komplexeren Schaltungen ist jedoch gering (zumindest in den Kapiteln, die ich bisher durchgegangen bin. Der Teil über den Operationsverstärker steht ja noch aus.).

Man merkt deutlich, daß dieser Experimentierkasten Grundlagen und Wissen vermitteln soll. Nicht das spielende Kind, sondern der wissbegierige Schüler wird angesprochen. In der DDR wußte man schon, was man wollte. Mir persönlich ist das im Bereich der Bildung durchaus lieber als der Einzug von bunten Comik-Figuren in die Anleitungen und den Aufbau der Experimentierkästen mit knallbunten Farben.



Es folgt noch eine Fortsetzung dieses Beitrags, wenn ich das Kapitel Operationsverstärker durchgearbeitet habe. Außerdem folgt noch ein neuer Beitrag über den Ergänzungskasten NKM150.


Frank


Quellen

(*1) Helga Stephan, Eberhard Wiedemann, "Lohnstruktur und Lohndifferenzierung in der DDR"; Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 23. Jg./1990; Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

(*2) de.wikipedia.org: Alphanumerische Beschriftung von Widerständen
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Re: NKM100 elektronik system - VEB Numerik "Karl Marx", 1988

Ungelesener Beitragvon Georg » 19. Okt 2012, 09:43

Anfangs glänzt jede Steckfeder so schön wie eine KOSMOStronik-Steckfeder. Es handelt sich jedoch um ein Grundmaterial - ich vermute Kupfer; zumindest glänzt es in einem hellen gold-braunen Farbton - beschichtet mit einer hauchdünnen, silbern glänzenden Metallschicht.


Hallo Frank,
von der Verwendung und vom Aussehen her ist das Grundmaterial mit ziemlicher
Sicherheit nicht Kupfer, sondern Phosphorbronze. (Cu mit 0,5...1 % P)
Phosphorpbronze kommt immer dann zur Anwendung, wenn man Federelastizität,
Härte und gleichzeitig gute Leitfähigkeit braucht.
(z.B. Relaiszungen, Schleifkontakte, Litze für bewegliche Kabel etc.)
Was die Beschichtung betrifft, muß ich passen. Vermutlich ist das Chrom,
aber über die konkreten Gründe, weswegen das nicht haftet: ???.
Ein Spezialist in Sachen Galvanotechnik könnte da evtl weiterhelfen.
Gruß
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Re: NKM100 elektronik system - VEB Numerik "Karl Marx", 1988

Ungelesener Beitragvon Georg » 27. Okt 2012, 11:28

Hallo Frank,
ich habe gerade in einer Schachtel mit Polytronik gesucht, dabei
fielen mir einige Teile " SEG Elektrik" vom VEB Apolda in die Hände.
U. A. einige Schalter bzw. Umschalter, die aus vernickeltem oder
verchromtem Messing gefertigt waren.
Diese zeigen dasselbe Schadensbild wie deine Federn:
großflächige Ablösungen des Chroms/Nickels, bei allen Teilen
sind es die gleichen Stellen, die betroffen sind.
Gruß
Georg
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Re: NKM100 elektronik system - VEB Numerik "Karl Marx", 1988

Ungelesener Beitragvon FrankR » 27. Okt 2012, 22:27

Hallo Georg, vielen Dank für die zusätzlichen Informationen!

Interessant bei den NKM100 Steckfedern fand ich, daß sich die Beschichtung nicht "von selbst" abgelöste hatte, also z.B. in Form einer Korrosion, die sich über die Jahre z.B. durch Feuchtigkeit gebildetet hatte. Der Kasten sah aus, wie noch nie benutzt, alles noch in Beutel verpackt. Auch die Steckfedern sahen aus, wie am ersten Tag. Berührung mit der Hand usw. machten garnichts aus.

Erst als ich die Steckfedern in die Aufbauplatten drückte und diese dadurch mechanisch an der Federseite zusammen gedrückt und an der glatten Oberfläche auseinander gezogen wurden, ging es los, wie bei einer "Kettenreaktion". Ich konnte förmlich zusehen, wie die Beschichtung aufriss und sich in ihre Bestandteile auflöste.
-----

Ich wusste bisher noch nicht, daß sich hier im Board noch jemand befindet, der sich mit den alten DDR Baukästen auskennt!
Ich selbst bin kein "Ostalgiker" (vielleicht werde ich aber noch einer!?!) - bin nur irgendwann in eBay über Polytronic gestolpert und wollte mal sehen, was "die Genossen drüben" so auf die Beine gestellt hatten. Wie war das bei Dir?

Da Du Dich auf jeden Fall irgendwann und irgendwie mit den DDR Baukästen beschäftigt hast, hier noch eine Ankündigung:
Ich werde bald die letzten Polytronic Baukästen "Mikroelektronik A1, A2 und A3 vorstellen. Sehr interessant, da das grundsätzliche Konzept der Polytronik Elektronikbaukästen beibehalten wurde und zusätzlich ein komplett neues Verbindungskonzept für die Mikroelektronik-Bauteile entwickelt wurde.

Gruß von
Frank
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Re: NKM100 elektronik system - VEB Numerik "Karl Marx", 1988

Ungelesener Beitragvon Georg » 27. Okt 2012, 23:31

Hallo Frank,
mir ging es ebenso wie dir. Anfang des Jahrtausends, als Ebay noch jung war,
hab ich mir ziemlich wahllos einiges an Kosmos (Generation Fröhlich)
ersteigert und sah dann die vielen Angebote an Polytronic, die zu Spottpreisen
weggingen.
Da hab ich dann zuschlagen "müssen".
Einige Jahre später bin ich dann umgezogen, vieles meiner Bastelsachen
steckt seitdem immer noch in Kartons. Jetzt über Winter, da der Garten
nicht mehr "ruft", werde ich mal aufräumen...
Gruß
Georg
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