Materialermüdung?

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Materialermüdung?

Ungelesener Beitragvon buedes » 29. Okt 2012, 06:13

Bei der Revision meiner Sammlung ist mir auch dieses Ronette- Mikrofon in die Hände gefallen. Es stammt aus den 50-er Jahren des vorigen Jahrhunderts und diente damals als Aufnahmemikrofon für mein RIMAVOX- Tonbandgerät. Seither steht es unbenutzt im Schrank.

Bild

Außer der farblichen Veränderung des Kunststoffgehäuses über den langen Zeitraum fällt auf, dass es in sich "zusammengesackt" ist. Hinten wird es noch durch die metallene Rückwand gestützt. Deshalb konnte es nur nach vorne einknicken.

Bild


Nun frage ich mich, war das schlechtes Grundmaterial aus der Anfangszeit der Kunststoffe, oder kann solche Ermüdung bei den heutigen Kunststoffen nach langer Standzeit auch noch auftreten.

Im neuen Zustand könnte es so ausgesehen haben.

Gruß, Horst

P.S.: Ein Parallelfall zur "Zink-Pest" ?
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Re: Materialermüdung?

Ungelesener Beitragvon Georg » 29. Okt 2012, 14:00

Host,
da kann man nicht viel mehr als raten, ohne zu wissen, was das
für ein Material war.
Enthielt es (flüchtige?) Weichmacher? War das Teil evtl. Lösemitteldämpfen
im Schrank aus gesetzt?
Ist es mal einer oberhalb der Glastemperatur liegenden Temperatur
ausgesetzt gewesen (bzw. lange / öfter einer etwas niedrigeren Temperatur) ?
Insgesamt scheint ein Materialfluß, weniger ein Materialschwund vorzuliegen.

Zum "schlechten" Material aus der Frühzeit :
Also die Frühzeit der Kunststoffe ist eher ab 1850, mit der Erfindung von Hartgummi.
Und was das "schlechte Material" betrifft, ist das in der Regel "ungeeignetes Material".
Aus Not oder Inkompetenz wurden oft die falschen Kunststoffe verwendet, oder
in ungeeigneter Weise verarbeitet bzw. konstruiert.
Die Verarbeitungskette bei Kunststoffen ist lang, typisch ist - Polymerhersteller -
"Blender" (mischt mit Farben und sonst. Hilfsstoffen) - Spritzgießer- Gerätehersteller
In dieser Geschäftskette geht einiges an Information verloren, und die Wünsche
von hinten rückwärts sind nicht immer von Intelligenz geprägt. :=)
Natürlich kam es auch vor, daß man bewußt die Kurzlebigkeit der Materialien
in Kauf nahm, berühmt dafür sind die amerikanischen "Catalin" - Radios der 30er Jahre.
Das war ein kalt ausreagiertes Phenolharz, das man in billigen Formen aus Blei
goß und in quietschbunten, auch durchscheinenden, Farben herstellte.
Das Material schwindet im Laufe der Jahre, das ist jedem Fachmann von vorneherein
bewußt, aber das war "sch...egal". Daß es einmal Sammler geben würde, die für
diese Radios teuer bezahlen und jammern, daß ein Metallchassis das Gehäuse
aufwölbt oder zersprengt, konnte man sich wohl kaum vorstellen. Die Radios
passten zum New Deal, billig und bunt, ein Stück Lebensfreude in der Wohnküche.
Bei uns hat man zur selben Zeit die Pressmassen "typisiert", das war ein strenges
Qualitätssicherungssystem, mit dem man dem schlechten Ruf der Kunststoffe
aus dem 1. Weltkrieg entgegenwirken wollte, mit dem Resultat, daß
so etwas wie Catalin nicht mal im Ansatz eine Chance hatte. Wir hatten
dagegen braunes bis schwarzes Bakelit, ziegelrotbraun war schon verwegen :=)
Gruß
Georg
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Re: Materialermüdung?

Ungelesener Beitragvon buedes » 29. Okt 2012, 21:45

Hallo Georg,

das Mikrofon stand die ganze Zeit bei 20 Grad Raumtemperatur in meinem Schrank. Diesen habe ich vor vielen Jahren aus Spanplatten aufgebaut und mit Bootslack 2 mal gestrichen. Damit hoffte ich, das Ausgasen des Formaldehyds zu verhindern. Könnte eventuell doch dieses vielleicht noch vorhandene Gas die Veränderung im Kunststoff bewirkt haben?

Jedoch ist dieses Teil das einzige Kunststoffteil unter mehreren in diesem Schrank, das sich verändert hat.

Gruß, Horst
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Re: Materialermüdung?

Ungelesener Beitragvon Georg » 29. Okt 2012, 22:19

Hallo Horst,
restliche Lösemittel aus dem Bootslack könnten derlei
bewirken. Daß andere Kunsstoffteile nicht betroffen
sind, heißt nicht viel, es gab/gibt einfach zu viele Arten
an Kunststoffen.
Das Teil ist aus den frühen fünfzigern, vermute ich?
Zu der Zeit wurde für weiße Thermoplaste oft weichgemachtes
Celluloseacetat/-acetobutyrat verwendet, das könnte
derartig reagieren.
Gruß
Georg
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Re: Materialermüdung?

Ungelesener Beitragvon FrankR » 29. Okt 2012, 22:40

@Georg:
Das ist ja mal ein ganz anderes Expertenwissen, das Du hier anbringst. Sehr interessant!

Die Anmerkungen "Catalin" und "quietschbunte Farben" haben mich dann neugierig gemacht.
Für alle, die mal wissen wollen, was wirklich QUIETSCHBUNT ist, hier ein Link, in den sie mal kurz reinschauen mögen:

Quietschbunte Fada Radios aus Catalin :shock:

Frank
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Re: Materialermüdung?

Ungelesener Beitragvon Georg » 30. Okt 2012, 00:18

Hallo Frank,
gib einfach mal "catalin radio" in Google ein.
Der zweite Eintrag ist eine Seite mit e-Bay- Angeboten.
Da werden tausende von Dollars verlangt.
(Ein Radio soll sage und schreibe 11 500 $ kosten!)
Nicht zuletzt deswegen, weil so wenige dieser Radios
die 30er überlebten. Mit den heißen Röhren drin konnte
man praktisch zusehen, wie die Gehäuse schrumpften
und rissen.
Gruß
Georg
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Re: Materialermüdung?

Ungelesener Beitragvon FrankR » 30. Okt 2012, 09:47

Jetzt aber Schluss mit den Beispielbildern!

Die sind so bunt und hässlich, daß ich sehr aufpassen muß, mich nicht darin zu verlieben und ein neues Sammelgebiet zu eröffnen! :roll:
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Re: Materialermüdung?

Ungelesener Beitragvon duckrider » 14. Feb 2013, 12:54

Vor einigen Monaten haben mein Sohn und ich das Glück eines Riesensperrmüllfundes gehabt:
Zig Kilogramm LEGO Steine konnten wir als Beute nach Hause schaffen.

Zunächst habe ich mal alle Steine in die Bütt' getan und gewaschen, die müssen nämlich jahrelang im Muffkeller gehaust haben.
Beim Trocknen nach dem Warmwasserbad fiel mir auf, dass ca. 5% der Steine völlig verzogen waren.
Schon haptisch konnte ich feststellen, das das ein anderer Kunststoff gewesen sein muss. Darauf hin habe ich mal etwa schalu gemacht:

Bis in die frühen sechziger hat LEGO als Material Celluloseacetat, später dann (1963) wurde Acrylnitril-Butadien-Styrol (ABS) als Material für die Steinchen verwendet.

http://de.lego.wikia.com/wiki/1960
http://www.brickfetish.com/timeline/1962b.html

Ich denke mal, dass Dein Mikrophongehäuse aus Celluloseacetat besteht, das den Lauf der Zeit nicht unbeschadet überstanden hat....

Gruß
Thomas
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Re: Materialermüdung?

Ungelesener Beitragvon buedes » 14. Feb 2013, 15:30

Na dann wollen wir mal hoffen, dass heutige Produktgehäuse länger standfest sind. Hoffen wir, dass meine heute aus POM gefrästen Zahnräder nicht in 30 Jahren nur noch als Reibräder zu gebrauchen sind.

Gruß, Horst
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