Ein sozialistischer Zungenfrequenzmesser

Hier gibt es Fachwissen auch ohne Experimentierkästen

Ein sozialistischer Zungenfrequenzmesser

Ungelesener Beitragvon hgd » 15. Nov 2013, 23:30

Hallo Liste,

das Thema hat nichts mit Versuchen zu tun, ist aber für mich mehrfach "historisch" und für uns alle "elektrisch" und einfach "historisch". Natürlich wird davon einiges erklärt. Es ist eine Geschichte mit etwas Technik. Vielleicht lest Ihr das auch ohne "Durchschläge und Gleitentladungen" :-)

Der Zungenfrequenzmesser (1)

... war eines meiner allerersten Messinstrumente, nicht im eigenen Besitz (da musste ich erst ca. 50 Jahre älter werden), sondern als Teil der Physiksammlung des Naturwissenschaftlichen Gymnasiums der Stadt Remscheid in der Hindenburgstraße.

Die erste Stunde Physik, das war ein Erlebnis, die ansteigenden Sitzreihen im Physiksaal, das große Pult mit Voltmeter, Amperemeter und dieser Geruch nach Bohnerwachs und Pertinax: einmalig bis heute, und immer noch ein Schlüsselreiz.

Fundamentalversuch der Elektrizitätslehre

Mit dem Amperemeter dort vorne machte ich einige Wochen später nachst einmal einen Versuch. Messbereich war 16 Ampere, die Sicherung hatte 16 Ampere, also habe ich das Amperemeter mit der Steckdose verbunden. Der Stecker war deutlich angeschmolzen, geknallt und gefunkt hatte es auch (ordentlich), aber das Amperemeter hatte zu meiner grossen Erleichterung überlebt: es war ein Dreheiseninstrument. Das werde ich nie mehr vergessen.

Darüber hatte ich schon einmal kurz berichtet, und auch von einigen anderen Freunden hier und auf anderen Foren las ich, dass sie diesen fundamentalen Versuch ebenfalls zu Beginn ihrer Karriere durchgeführt hatten.

Auch bei meinem Vater war das so gewesen (nicht in seiner Zeit als Schüler, sondern einige Jahre später bei einem anderen Dienstherrn). Es gab noch einen Unterschied zu meiner Versuchsdurchführung (ich hoffe er nimmt mir nicht übel, dass ich dies hier erwähne), sein Amperemeter überlebte diesen Versuch nicht. Das lag aber bestimmt daran, dass diese kein Dreheiseninstrument war.

Vielleicht habe ich deshalb auch E-Technik studiert und er nicht ... Manchmal hängt das ganze spätere Leben an solch einem Kupferkabel ...

Der Teslatransformator

Bereits damals in der ersten Physikstunde war ich fasziniert, vom pertinaxdunklen Abmiente und dem Geruch, und der grossen Mühe des Lehrers, der uns aus allen Gebieten der Physik ein Feuerwerk an Versuchen präsentierte.

Ob es hier auch bereits den Teslatransformator gab, weiss ich nicht. Der hatte mich ungemein beeindruckt, der ca. 10 cm lange blaue Funkeln, den der Lehrer in seine Hand (in einen Nagel) einschlagen liess. Dass ich später ein Fan von Hochfrequenztechnik wurde, die mich seit dieser Zeit bis heute begleitet, das muss auch daran gelegen haben. Eines "Boys' Day" hat es jedenfalls nicht bedurft. Leider ist er verstorben, der Lehrer, so dass ich ihm das alles nicht mehr erzählen konnte. Mit so etwas muss man früher einfangen!

Jedenfalls frug er dann die Klasse, ob jemand diesen Über- und Einschlag auch mal selber erleben wollte. Keiner wollte, nur ich überlegte kurz: Wenn der Physiklehrer das überlebt hatte, bestand eine echte Chance, dass dies bei mir so ähnlich sein würde. Also ging ich im abgedunkelten Saal die Stufen herunter und auf die Bühne, in die Nähe des Transformators. Der Einschlag erfolgte, ich verspürte dabei nur ein leichtes Kribbeln in den Fingerknöcheln der den Nagel haltenden Hand. Und war dann ziemlich stolz. Die Klassenkameraden wollten immer noch nicht.

Eine physikalische Nachtschicht

Diese der Physik geweihten Räumlichkeiten (Saal und Sammlung) sollten zwei oder drei Jahre später Schauplatz einer umfangreichen Physik-Session werden. Ich hatte dem Physiklehrer beim Wegräumen geholfen und war so vertieft an die in der Sammlung aufbewahrten Schätze, die alle zum Experimentieren, nicht wie in einem üblichen Museum nur zum Anschauen gedacht waren, dass ich die Türe zum Treppenhaus erst erreichte, als diese abgeschlossen war.

Nach dem ersten Entsetzen erkannte ich die Gunst der Stunde und fing an, nach Herzenslust und mit allem, was die Sammlung an Elektrischem bot, zu experimentieren. Das war auch die Nacht mit meinem e-technischen Fundamentalversuch (oben bereits geschildert). Nach mehreren Stunden war ich dann durch und legte mich auf einen Tisch schlafen. Am frühen Morgen wurde ich dann vom Hausmeister befreit, den meine Mutter endlich zum Nachsehen motivieren konnte.

Ich darf anmerken, dass mir nach dem Umzug der Schule in die Brüderstraße und ihrer Umbenennung in Leibniz-Gymnasium so etwas Ähnliches noch einmal passierte. Diesmal war es ein anderer Physiklehrer, der mich in der Sammlung einschloss. Die Schule war nun aber eine moderne Schule und hatte in allen Räumen ein Telefon. Ich probierte also in großer Eile alle hierarchisch bedeutsamen Nebenstellennummern durch und erwischte den Schulleiter, der sich an das erste Ereignis noch gut erinnerte und sofort herauf kam und mir aufschloss.

Aber noch einmal zurück in die Hindenburgstraße, in die alte Schule.

Der Zungenfrequenzmesser (2)

... befand sich im Pult zwischen Voltmeter und Amperemeter und unterschied sich durch das Fehlen von Zeigern. Stattdessen enthielt das Instrument mehrere kleine vibrierende Zungen, von denen man aber von vorne nur die weissen kleinen Quadrate sah. Es vibrierte nur die Zunge, die auf der augenblicklichen Netzfrequenz in Resonanz war. Resonanzen spielten auch im späteren Hobby, Studium und Beruf (bei der Hochfrequenztechnik) eine große Rolle. Aber das gehört in andere Kapitel.

Der sozialistische Zungenfrequenzmesser

Es hatte sehr lange gedauert: Nach 50 Jahren hatte ich auf einmal die Vision eines Zungenfrequenzmessers. Und ich begann im Internet nach "Zungenfrequenzmesser" zu suchen. Und fand drei Angebote. Eines sah so "speziell" aus, dass ich es sofort kaufen musste. Es stammt nämlich aus Russland. Ich nannte es sofort "Der sozialistische Zungenfrequenzmesser". Da hängen zwei Geschichten dran, die ich einfach erzählen muss, eine e-technische und eine politische-ökonomische Geschichte.

Es gab auch noch zwei andere Zungenfrequenzmesser, die sahen aber konventionell, "west-europäisch" aus. Ihr Messbereich umfasst den Frequenzbereich von 47 Hz bis 53 Hz. Und die 11 Zungen liegen in einer einzigen Zeile nebeneinander.

Der russische Zungenfrequenzmesser unterscheidet sich deutlich von diesem Design. Er weist 21 Zungen auf, die nicht in eine einzige Zeile passen und daher auf zwei Zeilen verteilt sind.

Die obere Zeile enthält die Zungen für 47 Hz bis 53 Hz, das ist sein west-europäischer Teil. Darunter in der zweiten Zeile befinden sich links 5 Zungen für den Bereich 45 Hz bis 47 Hz und auf gleicher Höhe rechts weitere 5 Zungen für den Bereich 53 Hz bis 55 Hz. Der sozialistische Zungenfrequenzmesser kann also mehr. Warum?

Der elektrischer Ost-West-Unterschied

... bestand nicht in der Normfrequenz von 50 Hz. Auch nicht in der Trennung beider Netze, sondern in einem Qualitätsmerkmal, wie gut, genau und schnell die Frequenz in beiden getrennten Verbundnetzen eingehalten wurde.

Derjenige, der es nicht schafft, die Netzfrequenz in einem schmalen Bereich zu halten, der muss dann eben Messmittel mit einem breiteren anzuzeigenden Frequenzbereich einsetzen. West-Europa kam und (kommt nach der Erweiterung der EU nach Osten) mit 47 Hz bis 53 Hz aus. Und im früheren Osten schaffte man es nur mit einem größeren Bereich von 45 Hz bis 55 Hz.

Ein Verbundnetz ohne Frequenz? Nein, das geht nicht!

Man hätte ja dennoch 47 Hz bis 53 Hz nehmen können, aber psychologische (und andere Gründe) dürften dagegen gesprochen haben, stellt Euch einfach mal vor, keine Einzige Zunge vibriert, weil die Netzfrequenz ausserhalb ist. Das sieht nicht gut aus, das ist beängstigend. Also lieber ein Netz mit grottenschlechter Frequenz, als eines ohne Frequenz.

Ins Regal auf ein rotes Deckchen

Diesen seltenen Zungenfrequenzmesser will ich pfleglich behandeln. Der kommt nicht in den schnöden Alltagseinsatz. Für den kann ich mir ohne Stress einen vulgären west-europischen kaufen bzw. ersteigern. Das hat Zeit. den sozialistischen, den stelle ich mir ins Regal in die Mitte (wie damals im Physiksaal) zwischen Voltmeter (bei mir kV-Meter) und Amperemeter (kA-Meter), auf einer roten Papierserviette.

So ein Teil das würde sich auch gut in einem historischen, geschichtlichen Museum machen. Handelt es sich hier doch um, wenn auch e-technischen, Alltag mit seinen Nöten und Problemen.

Eine zweite Geschichte

... kann ich noch erzählen, sie hat mit Geologie zu tun, einer Erdbebenmessstation im Schwarzwald. Die FAZ hatte vor zig Jahren über sie berichtet, dass dort sogar die Erschütterungen der Kompressoren der BASF in Ludwigshafen zu sehen sind. Die laufen an 50 Hz mit einer solchen Polpaarzahl, dass sie (imho) pro Sekunden 50 / 6 Umdrehungen ausführen. Das gibt Erschütterungen mit einer Frequenz von 8,3 Hz.

Die Station war aber so empfindlich, dass sie auch die Kompressoren der Chemiebtriebe in der DDR aufzeichnen konnte. Diese fielen überhaupt erst dadurch auf, dass sie nicht auf einer stabilen Frequenz von 8,3 Hz zu "hören" waren, sondern dass sie "wild" in der Gegend herum pendelten, mal über mal unter den 8,3 Hz im west-europäischen Verbundnetzt waren, als direktes Abbild der instabilen Netzfrequenz des ost-europäischen Verbundnetztes.

Geschichte erzählt mit E-Technik

Und damit bin ich am Ende. Sehr viel, mehrere große bis kleiner Bögen, haben hier zusammen gefunden, und gaben so einen Blick zurück in meine Jugendzeit, aber auch in unsere gemeinsame politische-geschichtliche Vergangenheit. Und alles erzählt nur mit E-Technik ...

Gruß
Hans-Günter
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Zungenfrequenzmesser angeblitzt

Ungelesener Beitragvon hgd » 10. Jan 2014, 23:32

Hallo Liste,

für die Versuche mit Gasentladungsröhren hatte ich mir ein einfaches Stroboskop mit Blitzröhre bestellt. Damit möchte ich versuchen, trotz Spannung unterhalb der Zündspannung einer Gasentladungsröhre durch einen Lichtblitz mit hohem Blau- und vielleicht auch UV-Anteil das Gas in der Röhre zum Zünden zu bringen, vielleicht auch zum dauerhaft gezündet bleiben.

Auf die Schnelle wollte ich das Stroboskop testen, und da fiel mir der Zungenfrequenzmesser ein (ansonsten hätte ich einen Motor mit Pappscheibe aufbauen müssen).

Der Frequenzbereich des Stroboskops wurde durchgedreht und dabei der Zungenfrequenzmesser angeleuchtet: Bei mehreren Blitzfrequenzen schienen die mit großer Amplitude schwingenden Zungen bei maximaler Auslenkung still zu stehen (sieht echt abartig aus, als bliebe die Zeit stehen (so wie in Matrix auf dem Hochhausdach). Etwas verdreht schwang zunächst die 50,0-Zunge gaaanz langsam auf maximale Amplitude und fiel wieder ab, währende im elben Augenblick die 49,0-Hz-Zunge genau so langsam auf ihre nicht ganz so hohe maximale Amplitude ausgelenkt wurde. Ganz nett, das gegenseitige Hin- und Her zu verfolgen.

Gruss
Hans-Günter
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