"pädagogische", transparente Bauteile

Alles, was bei der Anwendung der Kästen hilfreich sein kann...

"pädagogische", transparente Bauteile

Ungelesener Beitragvon Georg » 5. Jun 2012, 21:47

Angeregt von
den Posts zu den Widerstandsstreifen auf Karton in einem anderen Thread
möchte ich mal den Blick auf einen besonderen Aspekt der Fröhlichschen
Baukästen (Elektro, Radio und die zugehörigen "Männer") hinweisen.
Diese Kästen enthalten einige Bauteile, die sehr altmodisch (auch zu ihrer
Zeit) wirken bzw so nie in Radios oder Elektrotechnischen Anlagen vorkamen.
Ich meine damit:
- Streifenwiderstand mit Abgreifklemme
- Gitterwiderstand aus Bleistiftstrich auf Karton
- gestreckter Widerstandsdraht als Potentiometer (Wheatstone)
- Folienkondensator
- selbstgebauter Elektrolytkondensator
- zerlegbarer Drehkondensator
- Kondensatoren aus diversen Folien/Hartgummischeiben etc.
- selbstgebaute Bunsenelemente usw.
Habe ich was vergessen? Vermutlich ja.

Was meine ich damit? Fröhlich als Lehrer nahm offensichtlich das Verstehen
und Begreifen wörtlich, die genannten Teile waren so groß und durchschaubar,
daß Kinder sie ohne weiteres verstehen konnten.
Man denke mal an Baukästen der 60er oder später, da wurden nur handelsübliche
Kondensatoren, Widerstände usw beigegeben. Das Innenleben dieser Teile
wurde bestenfalls im Begleitbuch behandelt.
"Begreifen" geht aber nicht so, das wußten die alten Pädagogen.
Jedenfalls kam jemand, der einen Elkos im Radiomann selbst gebastelt hatte,
niemals auf die Idee, Elkos und PCB-Probleme durcheinanderzubringen,
was einem in Foren oft über den Weg läuft. :=)
Fröhlich war da teils kreativ, teils machte er Anleihen bei alten Physikapparaturen,
die ja letzten Endes denselben Zweck hatten.
In diesem Aspekt sehe ich den Unterschied zwischen Fröhlich und neueren
Kästen, zum Erlernen der Grundlagen waren die alten Kästen einfach besser.
Gruß
Georg
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Re: "pädagogische", transparente Bauteile

Ungelesener Beitragvon buedes » 6. Jun 2012, 10:55

Georg hat geschrieben:...zum Erlernen der Grundlagen waren die alten Kästen einfach besser.
Gruß
Georg


Hallo Georg,

da hast du meine volle Zustimmung.
Fröhlichs Aktivitäten fielen ja am Anfang des 20. Jahrhunderts in eine Zeit des Pädagogischen Aufbruchs. Die Bemühungen der Reformbewegung mit Namen wie Kerschensteiner, Gaudig usw. zielten allgemein auf eine Überwindung des sich breit machenden pädagogischen Intellektualismus hin zu einer „Pädagogik vom Kinde aus“. Man kam langsam zu der Erkenntnis, dass Lernen dann am besten funktioniert, wenn der Schüler sich selbstständig und handelnd mit den Lerngegenständen befassen kann. Und diese Lerngegenstände müssen dann für das Kind gut überschaubar und kontrollierbar sein und auch eigenes Tätigwerden zulassen. Alles Gesichtspunkte, welche auch in Fröhlichs Baukasten-Ideen eingeflossen sind: Teile, so einfach wie möglich, mehrfach kombinierbar, zur Phantasie anregend, zum eigenen Tun auffordernd, Funktion einfach und gut durchschaubar... Ich behaupte sogar, dass da anfangs manchmal bewusst Lücken gelassen wurden, um die Kreativität herauszufordern.

Gruß, Horst
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Re: "pädagogische", transparente Bauteile

Ungelesener Beitragvon Georg » 10. Jun 2012, 11:32

Hallo Horst,
danke für deine Erläuterungen zu den historischen
Hintergründen.
Derlei gab es auch an Hochschulen, vor Liebig durfte
niemand, schon gar kein Student ins Labor eines Profs.
Was Liebig dann in Gießen einführte, war eine Revolution und
führte dazu, daß Studenten aus ganz Europa und darüber
hinaus nach Gießen strömten.
Von Heinrich Hertz kennt man Klagen, daß er in Kiel als Privatdozent (!)
nicht an die physikalischen Gerätschaften durfte, die wurden
behandelt, als seien sie das Privateigentum des Ordinarius.
Aber auch bis heute gibt es immer noch die Pendelbewegung
"Selbsterfahrung" gegen "Kreidephysik".
Es ist halt auch eine Frage des Lehrers (Anzahl der linken Hände),
des Schuletats für Geräte, Schulstunden pro Fach usw. usw.
Gruß
Georg
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Re: "pädagogische", transparente Bauteile

Ungelesener Beitragvon buedes » 26. Jun 2012, 21:15

Der reformpädagogische Ansatz bei Wilhelm Fröhlich wird noch einmal ganz deutlich in seinem Vorwort „Was wir wollen“ in der Anleitung Elektrotechnik, 14. Auflage 1941, geschrieben im Juli 1938.

Dort heißt es „...Physikalisch-technische Kenntnisse lassen sich nicht durch bloßes Lesen von Büchern erwerben, sondern ein wirkliches Verständnis ist nur möglich auf Grund sorgfältig und planmäßig ausgeführter Versuche...“ Und im Vorwort zur 17. Auflage heißt es ergänzend“...Nur das, was man mit eigener Hand durchführt, bleibt sicheres Wissen und Können.“

Und zur Konzeption der Experimentierkästen: „Alle diese Teile sind auf denkbar einfachste Grundform zurückgeführt, damit sie in immer wieder neuen Zusammenstellungen zu neuen Geräten verwendet werden können.“

Wenn er sagt: „Die Geräte des Kosmos-Baukastens lassen sich besonders leicht durch einfaches Zusammenstecken, ohne Verwendung von Werkzeugen zusammenbauen.“ dann hat er die allgemeine Entwicklung auf dem Baukasten-Markt schon vorweg genommen: Auf Zusammenschrauben basierende Systeme wie z.B. Märklin oder Trix wurden von reinen Stecksystemen wie fischer- technik oder Lego abgelöst, was ich persönlich allerdings bedauere.

Gruß, Horst
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Re: "pädagogische", transparente Bauteile

Ungelesener Beitragvon Georg » 28. Jun 2012, 12:49

Hallo Horst,
einen Volksschullehrer dieser Generation habe ich im 4. Schuljahr
erlebt. 4ter bis 8ter Jahrgang in einem Raum, aus dieser Not hatte
er eine Art Kurssystem gemacht (eine Art "Leistungsgruppen"
über die Alterstufen hinweg, ohne derlei Bezeichnungen), eine
Wand war mit Wetterdiagrammen geschmückt, die Messung und
Eintragung war wöchentlich rollierender "Dienst" für die älteren Jahrgänge.
Im Schulgarten lernten wir wie man Beete anlegt und eine Schnur
aufschießt, der angebaute Pfefferminztee diente zur Finanzierung
der Ausflüge, bei denen ein "Kompass-und-Karten-Trupp"
(zwei Mann) außer Hörweite voran führte, und die Verantwortung
dafür hatte, daß wir aus dem Wald wieder herausfanden :=)
Und vieles anderes mehr, ich habe in diesem angebrochenen
Schuljahr (Nach Sommmerferien bis Ostern) mehr gelernt als in den
3,5 Jahren vorher, an die Zeit vorher habe ich kaum Erinnerungen.
Gruß
Georg
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Re: "pädagogische", transparente Bauteile

Ungelesener Beitragvon buedes » 28. Jun 2012, 18:46

Hallo Georg,

genau so, wie du es beschreibst, waren die Verhältnisse in den kleinen Dorfschulen anfangs des 20. Jahrhunderts allenthalben- und noch bis in die fünfziger Jahre. Hier hinein platzte Wilhelm Fröhlich mit seiner Idee, den Schulen durchdachtes, aber trotzdem bezahlbares Experimentiermaterial an die Hand zu geben. Damit war es möglich, kleine Schülergruppen in praktischer Arbeit alleine zu beschäftigen, lernen zu lassen - übrigens eine heute wieder hoch moderne Unterrichtsform.

Gruß, Horst
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